"Schwäbisches Tagblatt" im Juni 2010:

Der Hundefriseur und Altenpfleger Mathias Witte 


Ein Exoten-Beruf, in dem man Männer kaum erwartet: Der Tübinger Mathias Witte frisiert Hunde. Als bekennender Schwuler treffen ihn die Vorbehalte gegen Männer in diesem Job wenig. Kritisch sieht er sie trotzdem. FABIAN ZIEHE

Mathias Witte beim Kämmen des Briard-Rüden Hrisby: Als bekennender homosexueller Mann muss sich der Tübinger Hundefriseur für den Job in einer Frauendomäne nicht rechtfertigen. Heteros hätten es da schwerer. Bild: Sommer

Tübingen. Ein grün gestrichenes Wohnhaus in der Tübinger Köstlinstraße. „Queer Dogs“ steht in orangefarbener Schrift auf dem Schild. Ein Blick durchs Fenster: Auf dem Tisch sitzt ein Mischling, ähnlich einem Tibet-Terrier.

 Mathias Witte lässt in diesem Moment niemanden in seinen Hunde- und Katzensalon. „Das ist ein problematischer Hund“, sagt er. Bei der ersten Behandlung sei der Hund unruhig gewesen, habe geschnappt. Dabei war sein Fell stark verfilzt. Witte musste ihn damals „rattenkurz“ scheren, nichts zu machen. „Jetzt will ich nicht schon wieder alles abschneiden.“ Einige Minuten später ist es geschafft, ohne Radikalschnitt, mit fluffigem Haar: Frauchen verabschiedet sich, Hund bellt, Witte tadelt ihn mit einem Augenzwinkern. Es war der letzte Termin diesen Samstag, Witte steckt sich eine Zigarette an. Jetzt beginnt das Wochenende. Seit gut einem Jahr ist der Hundefriseur Witte sein eigener Chef. Sein Job ist ungewöhnlich – erst recht für einen Mann. „Schon im normalen Friseurberuf sei man entweder weiblich oder schwul“, sagen Witte zufolge „böse Zungen“. Er ist tatsächlich homosexuell. Und spielt damit schon mit dem Salonnamen „Queer dogs“. „Queer“ bedeutet schräg, umgangssprachlich auch schwul. Doch darum ist er nicht Hundefriseur. Es war schlicht sein Traumberuf. Sein Lebensmodell machte es ihm leichter, den Traum umzusetzen. „Wenn der Familienvater mit drei Kindern so ran geht wie ich, wird das nichts“, sagt er. Der Job ist nichts für jemanden, der die Rolle des klassischen männlichen Familienoberhaupts erfüllen will. Männliches Ego und wenig Geld Denn reich wird man als Hundefriseur nicht, das Geld langt kaum für eine ganze Familie. Karriere oder Reputation springen auch nicht heraus. „Manchem Mann würde da das eigene Ego im Weg stehen.“ Ein Hauptmanko sieht Witte in der fehlenden gesellschaftlichen Akzeptanz von Männern in solchen Jobs: „Da spielt auch Homophobie eine Rolle.“ Witte ist gewohnt, da gegen den Strich zu bürsten. Bevor er wegen Arbeitsunfähigkeit Hundefriseur lernte, jobbte er in einer anderen weiblichen Berufsdomäne: Der heute 39-Jährige war Altenpfleger. Er wuchs auf in Sachsen-Anhalt, dort machte er auch die Ausbildung. Von 1989 an arbeitete er als Krankenpfleger, 1999 kam er nach Baden-Württemberg, arbeitete bei verschiedenen Einrichtungen und war zuletzt stellvertretender Wohnbereichsleiter in einem Altenheim. „Als Frauenberufe gelten Jobs, die auf Sensibilität oder auch Kreativität abzielen“, sagt Witte. Oft brauche es da Fingerspitzengefühl beim Umgang mit Menschen und eine Portion Idealismus. Karriere sei möglich, die schlage sich aber kaum beim Gehalt nieder. Schwule Männer könnten sich leichter auf diese Berufsbilder einlassen, böten sie ihnen doch ein Umfeld, wo ihr Lebensmodell eher akzeptiert wird. „Berufsfelder in der Industrie sind dagegen eher schwulenfeindlich“, sagt Witte. Diskriminierung und Rollendenken, die auch umgedreht wirke. „Manchem heterosexuellen Mann gefällt vielleicht die Arbeit mit Blumen. Aber dann heißt es, Floristen seien Frauen oder schwul.“ Wittes Lebensweg zeigt, dass solche Vorurteile nicht stimmen: Früher war er verheiratet, auch seine Frau hatte Altenpflege gelernt. Er kennt also die Hetero-Perspektive, hat sogar zwei Töchter im Alter von 18 und 19 Jahren. „Die beiden finden meinen neuen Job witzig, die sind wie ich hundeverrückt. Dass ich anders ticke als Väter sonst haben sie ohnehin immer gewusst“, sagt Witte. 

"Tübingen im Fokus" am 27.03.2009: